Freitag, 9. Januar 2015

Was ich vor habe............................

Ich habe vor, ab Mitte Mai diesen Jahres die ca. 2000 Briefe, die sich meine Großeltern Ernst Rosche und Marianne Rosche, geborene Michel in der Zeit zwischen Mai 1940 und dem Ende des Krieges 1945 nahezu täglich geschrieben haben mit 75 Jahren Verspätung genau in den zeitlichen Abständen 5 Jahre lang zu veröffentlichen, in denen diese Briefe angekommen sind bzw. abgeschickt wurden. Ich habe vor, 4 Blogs einzurichten: Briefe Ernst (abgeschickt), Briefe Ernst (angekommen), Briefe Marianne (abgeschickt) und Briefe Marianne (angekommen).
So kann der Leser, so es denn welche gibt, mitverfolgen, wie es damals war.
Ich habe alle diese Briefe in meinem Besitz. Niemand der Beteiligten lebt noch. Sollte sich dennoch jemand irgendwie bloßgestellt fühlen, so bitte ich um entsprechende Mitteilung, dann entferne ich die Textstellen unverzüglich.
Ich habe keine Lust, mit Verlagen herum zu streiten, ob man das Layout so oder so ändern könnte etc. Ich will mit dem Ganzen kein Geld verdienen. Ich möchte lediglich interessierten Zeitgenossen die Möglichkeit geben, diese Briefe zu lesen. Vielleicht interessiert sich ja auch niemand dafür, dann ist es auch recht. Ich persönlich finde die Briefe total spannend, auch wenn lange Zeit recht wenig passiert.
Meine Großeltern waren politisch recht uninteressiert und lebten in Kostanz am Bodensee, was ihr Glück war. Wegen der Nähe zur Schweiz wurde Konstanz so gut wie nie bombardiert, weil die Alliierten immer befürchten mussten, aus Versehen schweizer Gebiet zu treffen. Mein Großvater war Verwaltungsbeamter und kam in dieser Eigenschaft erst nach Frankreich (Lille), dann in die Ukraine, später nach Griechenland und auch nach Ostpreußen. In direkte kriegerische Auseinandersetzungen wurde er so gut wie nie verwickelt, aber natürlich bekam er viel mit und schildert auch die Lebensbedingungen der Bevölkerung in den jeweils besetzten Gebieten auf seine ganz eigene Weise.


Meine liebste Annie !                                                                                                       20.5.42          
Ein arbeitsreicher Tag war heute einmal. Arbeiterwerbung und Zusammenstellung von Transporten zum Einsatz in die Landwirtschaft in Deutschland. Der Abtransport von 600 Arbeitern aus unserem Gebiet, dem ein gleicher Transport schon vorausgegangen ist und ein weiterer folgen wird, macht bei den schwierigen Eisenbahnverhältnissen schon manche Mühe. Ich hoffe aber, daß es auch klappt wie die anderen Arbeiten bisher auch geklappt haben. Hier kann man oder vielmehr muß man einen großen Teil der Arbeit telefonisch erledigen. Das spart einesteils viel Zeit, denn man kann das schneller durchführen. Aber alles muß man doch noch schriftlich festlegen, damit jeder weiß, was gemacht worden ist. Schreibkräfte sind sehr rar, so daß alles an einem selbst hängen bleibt.  Machen muß man hier alles. So habe ich schon letzthin und heute auch wieder den Wehrmachtsbericht aufnehmen müssen, weil der andere Mann eine andere Arbeit hatte. Ich scheue mich ja vor keiner Arbeit und mache deshalb auch nicht erst viel Gerede wie andere, nur damit sie nicht zuviel zugeteilt bekommen. Mir ist es jedenfalls lieber so, als wenn keine Arbeit vorliegt und der Tag dann kaum herumgeht.
Ich habe mich nur wieder wundern müssen, mit welch armseligen Gepäck die Leute hier fortfahren. Die Bessergestellten hatten einen kleinen Holzkoffer, die anderen kamen gerade mit dem an, was sie auf dem Leib trugen.  Meist nicht einmal Schuhe hatten sie an. Was für ein armseliger Haufen das so ist, kannst Du Dir dann vorstellen. Der Vornehmste hatte ein Paar weiße Schuhe an, einen Fotoapparat, der aus Großvaters Zeiten stammte. Dann hatte er noch einen Handkoffer bei sich, den er mit Bindfaden zusammengebunden hatte, damit er nicht auseinander fiel. Verschiedene Angehörige waren dann mit an den Zug gekommen. Die Leute wurden vorerst in Güterwagen geladen, weil nichts anderes zur Verfügung stand und dann ging es los bis zur nächsten Sammelstelle. Dort werden nochmals alle untersucht.  Als dann alles anfing zu heulen, habe ich mich dann schnellstens verzogen. Die Leute haben doch bei uns in der Landwirtschaft ein besseres Leben wie hier. Sie werden wohl strenger arbeiten müssen, aber sie können doch ein geordneteres Leben führen wie hier.

Meine Großmutter schildert das häusliche Leben in Konstanz, sie schildert, wie es den Kindern geht und immer ist die große Vorsicht zu spüren, dass irgendjemand irgendetwas irgendwo melden könnte und man dann in Schwierigkeiten geriete.


Mein liebster Ernst !                                                                                      9.4.42              



Heute erhielt ich deinen lieben Brief mit den Durchschlägen der Briefe an Kurt und Papa. Du hast also doch geschrieben. Es ist richtig, was du geschrieben hast, aber ich bin nur gespannt, was das gibt, wenn der Brief jetzt ankommt, wenn Siegfried daheim ist. Der will doch sicher auch lesen, was du geschrieben hast.

Da muß sich jetzt dein Spruch bewähren, dass man alles an sich heran kommen lassen soll. Geschrieben hat mir Papa bisher noch nicht, trotzdem er meinen Brief doch schon 1 ½ Wochen hat.

Wie ich aus den Durchschlägen gelesen habe, kommst du also diesen Samstag dort weg. Ich schreibe nun gar nicht mehr nach Frankreich, sondern warte deine neue Adresse ab.

Es ist Pech, dass du den Keks (?) nicht mehr bekommen konntest, aber schließlich kannst Du ja nichts dafür. Du konntest doch nicht ahnen, dass die Leute diese Woche nicht mehr da sind.

Ich habe heute Möhren und Radieschen gesät. Das eine Päckchen Möhrensamen von dir habe ich vorläufig noch übrig gelassen. Mit den Erbsen warte ich noch bis ca. Ende April.



10.4.



Lieber Ernst ! Am Nachmittag gehe ich mit den Kindern in den Film „Der große König“. Ich hoffe, dass er gut ist. Es ist heute sehr stürmisches Wetter. Da gehe ich mal nicht in den Garten.

Ich schicke an Siegfried zum Geburtstag drei Schachteln Zigaretten. Es wiegt ja nicht viel, und so schicke ich es als Brief in einem festen Umschlag. Es ist ja dann schneller dort.



11.4.



Lieber Ernst! Gestern waren wir nun in dem Film, er war wirklich großartig. Ich wünschte dir, dass du ihn auch einmal ansehen könntest.

Am Abend kam Vater rauf. Ihm ist von der Feldpostnummer 19655 das Verwundetenabzeichen in schwarz für Kurt geschickt worden mit der Bitte um Weitersendung an ihn.

Im Geschäft hat Vater drei Pfund Stockfisch bekommen können, davon hat er mir zwei Pfund abgegeben. Weißt Du, das war eine Sammelbestellung für alle Betriebsangehörigen. Ich habe mich sehr gefreut, dass Vater da auch an uns gedacht hat.

Heute Mittag fahren wir zu ihm und holen die Bohnenstangen. Er hat mir schon versprochen, dass er sie mir mal an einem Samstag in die Erde tut.

Es ist heute so schönes Wetter, dass ich am liebsten im Garten geschafft hätte, aber am Vormittag war ich einkaufen, habe aufgeräumt und die Treppe gespritzt und nun will ich Essen kochen. Am Nachmittag geht die meiste Zeit mit dem Bohnenstangenholen verloren. Na, es wird ja noch weitere schöne Tage geben.

Nun ist es mit den Bohnenstangen doch nichts geworden. Vater kam zu Mittag und sagte, dass er am Nachmittag arbeiten müsse. Ich habe nur noch ein Brot für ihn besorgt und Fleisch bestellt. Dann bin ich in den garten gegangen und habe weiter umgegraben. Bis zu dem Weg bin ich gekommen, den ich auch mit umgegraben habe. Jetzt habe ich in dem einen Garten nur noch ein kleines Stück. Du, die Sträucher werden auch schon grün und beim Baum ist es auch bald soweit. Jetzt sorgt man sich schon bald wieder, dass kein frost in die Blüten kommt. Denn gerade im Krieg kann man Obst gut brauchen.

Von Papa erhielt ich heute eine Karte. Er habe meinen Brief erhalten und komme nächste Woche darauf zurück. Siegfried und Erna haben auch mit unterschrieben. Etwas schreibt Papa noch, was dir sicher sehr leid tun wird. Erhard Tillner ist gefallen. Ich habe es gar nicht glauben können. Ich frage erst noch mal bei Elsa an, ob es auch tatsächlich wahr ist.

Ich habe heute schon immer daran gedacht, wo du wohl sein wirst. Evtl. schon auf der Fahrt? Ich hoffe, dass ich bald Nachricht von dir bekomme.

Ich gehe nun schlafen. Ich bin sehr müde. Gute Nacht, mein lieber Ernst, wach gesund wieder auf.


Bis Mai möchte ich gern hier das Für und Wider etwas diskutieren und vielleicht hat ja jemand auch Ideen, was man mit den Texten sonst noch machen könnte.
Ab und zu wird es auch ein paar Bilder dazu geben, aber es existieren nicht sehr viele bzw. wenn, dann habe ich sie nicht.

Ich glaube, jetzt hör ich erst mal auf und warte, was da kommen wird.

Oweron
alias
Wolfgang Hellmich


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Heute ist nun der 15.05.2015.
Es ist nun genau 75 Jahre her, dass meine Großmutter den ersten dieser vielen Hundert Briefe geschrieben hat. Ich bin nochimmer nicht fertig damit, all diese Briefe zu digitalisieren. Meine Mutter, die als einizige mir bekannte Person die Kurzschrift meiner Großeltern entziffern konnte, - leider kann sie das jetzt nicht mehr -, hat alle in dieser Form vorhandenen Brief, meist die meines Großvaters, der oft wenig Papier zur Verfügung hatte, dort, wo er war, übersetzt. Alle anderen kann ich selber lesen und tippe sie so nach und nach ab. Momentan bin ich im Sommer 1942.
Für mich ist es immernoch ein spannendes Vorhaben, all das zu veröffentlichen, und ich bin wirklich gespannt, auf was ich dann nach 5 Jahren zurück blicke werde.
Also dann, auf geht´s!